Preisträger

20. Niederländisch-deutscher Kinder- und Jugenddramatikerpreis in Duisburg 2018

Im Rahmen des Festivals „Kaas & Kappes“ wurden am Sonntag, 25.02.2018, im Duisburger Kinder- und Jugendtheater KOM’MA die Preisträger des 20. niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreises bekannt gegeben.  


v.l.n.r.: 
Chiara Thissen (Jury), Helwig Arenz (Preisträger), Rob Vriens (Jury),
Astrid Hanske (Bezirksbürgermeisterin), Till Beckmann (Jury),
Christian Schönfelder (Jury), Sylvia Andringa (Jury, in Vertretung für Renate Frisch)

Die Bezirksbürgermeisterin Astrid Hanske überreichte die Preise im Gesamtwert von 7.500 EUR für drei Theaterstücke.

Von den 105 Texten, die in diesem Jahr aus fünf verschiedenen Ländern (Deutschland (84), den Niederlanden (9), Belgien (4), Österreich (7) und der Schweiz (1) ) am Wettbewerb teilnahmen, wählte die vierköpfige Jury, bestehend aus Chiara Tissen (NL), Renate Frisch (D), Rob Vriens (NL) und Till Beckmann (D), folgende Preisträger aus:

Helwig Arenz (D)

für das Stück 

"Caligula und das Mädchen auf der Treppe"

 

2.500 €

Christina Kettering (D)

für das Stück

"Keine Lieder"

2.500 €

Christian Schönfelder (D)
nach Adalbert Stifter

für das Stück

„Bergkristall“

2.500 €
 

Neben den Preisträgern empfiehlt die Jury folgende Texte und hat sie in den Stückepool aufgenommen: 

Daan Windhorst (NL)

mit dem Stück 

"It´s my mouth, I can say, what I want to"

 

Magne van den Berg (D) 

mit dem Stück 

"Gender"

 

Daniël van Klaveren (NL )

 

mit dem Stück 

"Nadia" 

Raoul Biltgen (A

 

mit dem Stück 

"Der freie Fall"

Esther Becker (D)

 

mit dem Stück

 

"Wildbestand"

 

Kjell Moberg Christian Schönfelder,
und 8 Studierende der Hochschule für Darstellende Kunst Stuttgart(D)

 

mit dem Stück

 

"Bis zum letzten Tanz"

 

Susanne Schumacher (NL)

mit dem Stück

Eiland

 

Nadja Wieser (D)

mit dem Stück

Honig

 

Marjet Moorman (NL)

mit dem Stück

M.R.I.A.L My robot is a lover  

  


Informationen über die Jurymitglieder 2018:

Chiara Tissen (NL) – Autorin und Schauspielerin

Renate Frisch (D) – Mitbegründerin des KOM’MA-Theaters, Regisseurin - Duisburg

Rob Vriens (NL) – Regisseur im Kinder- und Jugendtheater, seit 2005 Hausregisseur am Theaterhaus Frankfurt

Till Beckmann (D) – Autor und Schauspieler

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

hier die Begründungen der Jury:

Caligula und das Mädchen auf der Treppe - von Helwig Arenz (D)

In einem Mehrfamilienhaus lernen wir zwei der Familien über ihre Kinder kennen: Luka, der Sohn der einen, freundet sich mit Janette, der Tochter der anderen an. Es gibt auf den ersten Blick klare Unterschiede zwischen beiden Familien: Auf der einen Seite Luka, der  seine pädagogisierenden,  intellektuell fixierten  Eltern mit Vornamen ansprechen muss –“Papa/Mama” ist ernsthaft unmodern- ; auf der anderen Seite Janette, die eine zwar fürsorgliche, aber emotional oft abwesende Mutter und einen saufenden, dauernd schimpfenden dauernd fernsehenden Vater hat (beide viel zu dick); hier findet man Achtsamkeit nicht im Wörterbuch. Es stehen sich also persifliert und holzschnittartig gegenüber: die klassisch-liberalen Clischee-Akademiker und die vorurteilsgemäßen Hartz-IV-Asis.
Aber Eltern sind Eltern, und ob sie selbstbewusst freundlich oder egozentrisch abwesend sind, Fehler machen alle. Luka und Janette sind also beide davon überzeugt: ihre Eltern sind die schlimmsten. Die Kinder unterhalten sich im Treppenhaus über ihren Alltag. Luka zum Beispiel hat seine Eltern beim Vögeln erwischt – eine äußerst komische Szene! – und obwohl er selbst kein großes Problem damit hat (außer, dass er es natürlich peinlich fand), muss er jetzt vor allem noch deren langwierige Ausreden und Pseudoerklärungen durchstehen.
Beide Kids empfinden die Zustände in ihren eigenen Familien als krass, und obwohl sie sich dies freimütig anvertrauen, entsteht eine Art Eifersucht dem jeweils fremden Elternpaar gegenüber. Ist diese gerechtfertigt? Und stimmt die Aussage: Wo es anders ist, ist es besser, eigentlich? Aber vor allem: Wie würde das Leben aussehen, wenn beide in Zukunft unabhängig von ‘da oben’ in Freiheit und miteinander leben könnten…? Darüber wird gequatscht und phantasiert.
In der ersten Instanz denkt man beim Lesen: ‘Wo bin ich gelandet?’ Merkwürdige Leute und irre Dialoge! Aber schnell versteht man: Witz und Ernst gehen Hand in Hand in diesem ironisierend surrealistischen Text, der über der Beschreibung von alltäglichen Situationen eine farbenreiche und besondere Welt eröffnet und mehrere Themen erfrischend behandelt. Das Verhälnis zwischen Kindern und Eltern wird auf extrem witzige Weise unter die Lupe genommen und der Autor traut sich, sämtliche Vorurteile und Klischees so zu behandeln, dass immer wieder unerwartete Kurven genommen werden.
Es macht einen Riesenspaß den Text zu lesen und man freut sich über jede neue Verrücktheit, die bei genauerer Betrachtung eigentlich erschreckend normale Situationen in Familien spiegelt. Und obwohl der Zuschauer die Eltern- und die Kinder-Perspektive  kennenlernt, verbündet er sich automatisch mit den jungen Protagonisten.

Das Stück ist ein kluges Soziogramm und verbindet als solches auf originelle Weise zwei Lebensarten; sowohl die privilegierten als auch und gerade die prekären Verhältnisse werden extrem dargestellt, kommen einem aber trotzdem sehr nah, weil die Figuren unglaublich liebevoll und immer mit einem Augenzwinkern gezeichnet werden.
Damit hat der Autor einen sehr frischen dynamischen Text geschaffen, der nach Meinung der Jury unbedingt auf die Bühne gehört.

 

 

Keine Lieder - von Christina Kettering (D)

Marc, Ella und Linda sind Außenseiter und fliehen vor der sozialen Ausgrenzung durch die angepasste Mehrheit ihrer Mitschüler in ihren verschworenen Dreier-Club, der sich regelmäßig  in einer verlassenen Fabrikhalle trifft. Hier bestärken sie sich gegenseitig in ihrer Exklusivität, aber eben auch in ihrer unverbrüchlichen Freundschaft und Zusammengehörigkeit durch die Heimlichkeit, mit der sie ihre Rituale vor der Öffentlichkeit schützen. So wird das Auftauchen eines Neuen, den Ella eines Tages mitbringt, von den beiden anderen als Störung und unbotmäßiges Eindringen empfunden. Vor allem Marc fühlt sich durch den älteren und selbstsicher auftretenden Adrian verunsichert und persönlich in Frage gestellt, zumal er sich von Ella auch als Kind schon einmal verraten sah und somit besonders sensibel auf die neue Situation reagiert.

Das Stück protokolliert im Folgenden aufs Genaueste die allmähliche Verschiebung der Machtverhältnisse innerhalb des Systems, der Einflussmöglichkeiten seiner Mitglieder sowie ihrer sozialen Wertigkeiten und macht durch den präzisen Erzählduktus die Befindlichkeiten der Protagonisten empfindlich spürbar.
Dies gelingt vor allem aufgrund der raffinierten Gesprächsführung, die durch unvermittelte Wechsel zwischen Spiel- und Erzählpart vielschichtige Perspektiven samt deren Kommentierung sichtbar werden lässt. Außerdem erlaubt diese Erzählmethode die Abwesenheit der 4. Figur – des Störenfrieds - auf der Bühne: Adrian wird nicht gespielt, er wird nur erzählt.
Marc generiert sich mehr und mehr als Opfer von Adrians Angriffen, die anfangs verdeckt und später immer offener zutage treten und auf die die Mädchen unterschiedlich reagieren. Eine Kindheitserinnerung an einen Ertrinkenden, dem trotz offensichtlicher Not keiner der anwesenden Zeugen hilft, wird wie eine Metapher in die Beziehungsgeschichte eingeflochten und wirft für den Zuschauer Fragen auf: Wer hat welches Recht woran, wer hat welchen Anspruch an wessen Loyalität und wer stört wen durch welches Verhalten? Wer gewinnt wodurch Attraktivität und will ich als Zeuge mit dem Sieger oder dem Verlierer halten?
‚Keine Lieder‘ ist eine kluge gruppendynamische Psycho-Studie, die die Entwicklung von Parteilichkeit in Freundschaft und von Zeugenschaft bei Machtausübung und Gewalt analysiert. Das Stück nutzt die Unmittelbarkeit der theatralen Situation, um die Zuschauer mit Fragen an ihre eigene Verführbarkeit zu konfrontieren, während sie unversehens in das Beziehungsdrama auf der Bühne hineingezogen werden.

 

Bergkristall von Christian Schönfelder
(frei nach der gleichnamigen Novelle vom Adalbert Stifter)

„Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, dass ich nur das Kleine bilde, und dass meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutendes anzubieten, nämlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte gepredigt werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind.“
(Adalbert Stifter)

Die Bearbeitung von Stifters Novelle „Bergkristall“ durch den Autor und Dramaturgen Christian Schönfelder ist ein Beispiel dafür, dass Adaptionen bestehender Werke weit über das bloße Dramatisieren oder Bearbeiten hinausgehen können. Es können, im Glücksfall, eigenständige künstlerische Arbeiten von großer Bedeutung entstehen. Und dies ist hier der Fall. Romane und Erzählungen haben im Theater Hochkonjunktur, manchmal gelingt es, manchmal denkt man als Zuschauer „es gibt keinen Grund, diesen Stoff auf dem Theater zu zeigen“. Bei Schönfelders Bergkristall laufen vor dem inneren Auge schon beim ersten Lesen starke Theaterbilder ab.
Man will dieses Stück auf der Bühne sehen.
Die Bearbeitung schafft darüber hinaus noch etwas, was Theater im besten Fall gelingt: dass eine 150 Jahre alte Geschichte uns mehr über unsere Gegenwart erzählt als jedes aktuelle Themenstück.  Frei von Aktualitätszwang und Zeitzeugenschaft ist Bergkristall ein Stück Theater über gegenwärtige, drängende Themen: die Unaufgeschlossenheit gegenüber Fremden, die Probleme woanders anzukommen, die Ablehnung gegenüber Zugezogenen und deren Auswirkungen und über die leise Gewissheit, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als das, was wir mit  bloßem Auge erkennen können.
Ein Theaterglücksfall für Publikum jeden Alters.

 

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

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